Visionen für eine lebenswerte Stadt Regensburg

Städte, Siedlungen sind der Raum, in dem wir normalerweise leben und arbeiten. Unsere Lebensqualität wird also sehr durch deren Struktur und Gestaltung sowie deren Aufenthaltsqualität bestimmt. Ausgangspunkt der Planung oder Umgestaltung einer Stadt oder eines Stadtteils müssen deshalb die Menschen und deren Bedürfnisse sein. Die gegenwärtige Wohnungssituation, die wachsende Einwohnerzahl, die hohe Zahl der Pendler, die Belastung der Luft mit Feinstaub zwingt in Regensburg zu Veränderungen.

In einem ersten Teil befasse ich mich vorwiegend mit Grundsätzen der Stadtentwicklung und Verkehrsplanung. Die Frage nach Wohnungsbau und dessen sozialpolitische Bedeutung wird hier nur kurz angerissen. Ihrer Bedeutung gerecht zu werden, bedarf einer eigenen Erörterung.

Was stand bisher im Vordergrund der Stadtplanung und Stadtentwicklung?

In wessen Interesse wird geplant und gebaut? Im Interesse der Baugesellschaften, Grundstückseigentümer, Unternehmen? Oder im Interesse der Einwohner und Wohnungssuchenden? Steht die Schaffung von Wohnraum für eine wachsende Bevölkerung oder eine hohe Grundstücksrendite im Vordergrund? Und warum werden Prestigeobjekte gebaut statt den öffentlichen Personenverkehr effektiver zu gestalten, kulturelle Einrichtungen für alle zu bauen und überhaupt die Aufenthaltsqualität in der Stadt (und zwar nicht nur im Stadtzentrum sondern auch in Wohngebieten) zu verbessern?

Diese Fragen lassen schon erahnen, wessen Interessen im Vordergrund der Stadtentwicklung standen und stehen. „Weil der neoliberalen Stadt mit ihren mehrheitlichen Entscheidungsträgern und Eigentümern das menschenwürdige Wohnen für alle nicht viel bedeutet, ist fast überall der soziale Wohnungsbau zurückge-fahren worden. Für die Allgemeinheit bezahlbarer Wohnraum wird zunehmend knapper. Kleine Läden des täglichen Bedarfs haben es schwer, hohe Mieten zu bezahlen. Sie werden durch Fingernagelstudios oder Filialketten ersetzt. Das Zentrum einer freien Stadt oder das Zentrum eines beliebten, belebten und viel frequentierten Stadtteils sollte kein Machtzentrum (oder ein öder Autoparkplatz) sein, sondern ein Ort der Begegnung und des Austauschs.“ (Ulrich Straeter, Essen, 2016)

Der Individualverkehr mit dem PKW wurde bislang zu einseitig gefördert durch den Ausbau von Straßen und Parkhäusern mitten in der Innnenstadt. Negativ für die Stadtentwicklung und Verkehrssituation haben sich darüber hinaus die Errichtung überdimensionierter Einkaufszentren und „Fachmärkte“ ausgewirkt. Zum einen führten sie zu vermehrtem Autoverkehr in und aus der Stadt, zum anderen sind der großen Konkurrenz liebenswerte Fachgeschäfte in der Innenstadt erlegen. Hingegen stagnierte die Entwicklung des öffentlichen Personenverkehrs (ÖPV) und wird somit dem gestiegenen Bedarf, unter anderem durch zunehmend mehr Studierende und die enorme Anzahl von Berufspendlern, nicht mehr gerecht. Der Ausbau und die Sicherheit von Radwegen lässt in Regensburg zu wünschen übrig und hinkt weit hinter Entwicklungen in vergleichbaren Städten hinterher.

Wohnungsbau in Regensburg – insbesondere Sozialwohnungsbau – ist nicht ausreichend und die Neubaugebiete sind zu einfallslos nach den Wünschen der jeweiligen Bauträger gestaltet. Unnötig hat die Stadt Gelegenheiten für den Erwerb von günstigem Wohnraum zugunsten von Spekulanten verstreichen lassen.

Visionen für eine „Stadt für Menschen“

Jan Gehl, international bekannter dänischer Stadtplaner, schreibt in seinem Buch „Städte für Menschen“ (jovis Verlag, Berlin 2015): „Die Berücksichtigung des Menschen als Maß des Städtebaues reflektiert eindeutig die starke Nachfrage nach urbaner Lebensqualität. Verbesserungen zugunsten der Städter sind der direkte Weg zur Verwirklichung der Zukunftsvision einer lebendigen, sicheren, nachhaltigen und gesunden Stadt. Verglichen mit anderen sozialen Investitionen – insbesondere in das Gesundheitswesen und in Infrastrukturen für den motorisierten Verkehr – sind die Kosten einer diesbezüglichen Stadtplanung so gering, dass Städte überall auf der Welt sie finanzieren können, ungeachtet des Entwicklungsstandes und der Finanzkraft der jeweiligen Länder. In jedem Fall sind menschenfreundliches Engagement und Sorgfalt die wichtigsten Investitionen – und die Rendite ist enorm!“

Daran orientiert, sollten Grundsätze der Verkehrs- und Stadtpanung sein:

  • Die lebendige Stadt
  • Die sichere Stadt
  • Die nachhaltige Stadt
  • Die gesunde Stadt

Die Verkehrsplanung, welche in Regensburg gerade mit Hilfe von externen Gutachtern neu definiert wird, muss sich an diesen Grundsätzen orientieren. Und eine entsprechende Planung muss dann auch konsequent umgesetzt werden! Infolge dessen muss eine Neugestaltung des Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) am Bahnhof unbedingt Vorrang haben vor dem Bau eines Kultur- und Kongresszentrums.

Fahrradwege müssen großzügig und hindernisfrei ausgebaut werden.

Der Autoverkehr darf nicht länger gegenüber den Bedürfnissen von Fußgängern und Fahrradfahrern bevorzugt werden. Denn: Sowohl eine nachhaltige als auch gesunde Stadt wird gefördert, „wenn ein Großteil des Nahverkehrs als ‚grüne Mobilität‘ stattfindet, das heißt, wenn ihre Einwohner mehrheitlich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Diese Verkehrsarten bieten der lokalen Wirtschaft Marktvorteile und wirken umweltfreundlich, da sie Ressourcen sparen, Schadstoffemissionen verringern und den Lärmpegel senken. Ein weiterer wichtiger nachhaltiger Aspekt besteht darin, dass die Attraktivität öffentlicher Verkehrsmittel und -wege steigt, wenn sich die Nutzer beim Gang oder bei der Fahrt mit dem Zweirad, von und zu Bus- und Straßenbahnhaltestellen sicher fühlen können. Ein gut geplanter öffentlicher Raum und ein gutes Verkehrssystem gehören somit untrennbar zusammen. …

Im Bemühen, den zunehmenden Autoverkehr zu bewältigen, wurde jeglicher freie Stadtraum mit rollendem und stehendem Verkehr belegt. Jede Stadt bekam genau das Verkehrsaufkommen, das ihre Straßen und Freiflächen aufnehmen konnten. Versuche, die Verkehrsdichten durch den Bau von noch mehr Straßen und Parkhäuser zu mindern, hatten noch mehr Verkehr und Staus zur Folge. Das Verkehrsaufkommen ist somit je nach vorhandenen Infrastrukturen fast überall beliebig variabel. Da wir Menschen stets neue Gründe finden, das Auto immer öfter zu nutzen, stellt der Bau von weiteren Straßen geradezu eine Aufforderung dar, mehr Autos zu kaufen und zu fahren.“ (Jan Gehl, Städte für Menschen)

Straßburg – eine Stadt in vergleichbarer Größenordnung – zeigt, wie der Bau von Schienenwegen in der Mitte einer einstigen vier- oder mehrspurigen Straßen und deren Verringerung auf zwei Fahrspuren Platz für Radwege, Gehwege, Bäume, Straßencafes geschaffen hat. Ähnliches kann ich mir in Regensburg vorstellen.

Was macht öffentliche Verkehrsmittel attraktiv?

  • ein dichtes, überschaubares und logisches Netz
  • Verknüpfung verschiedener Verkehrssysteme und Fortbewegungsmöglichkeiten (Bahn, Stadtbahn, Busse, Schiffe, Seilbahn, Fahrräder und natürlich Fußgänger)
  • Kapazitäten, die den wachsenden Bedürfnissen gerecht werden
  • Anbindung an das Umland, Vernetzung mit Nachbargemeinden
  • kurze Taktzeiten (z. B. 3 Minuten auf den Hauptlinien)
  • Fahrmöglichkeiten auch zu Nachtzeiten
  • kurze Fahrzeiten, keine Hindernisse wie rote Ampeln, Staus
  • emissionsarme Verkehrsmittel (Elektro- oder Hybridbusse, elektrischer Schienenverkehr)
  • günstige Tarife bis hin zu kostenlos für die Benutzer
  • moderne, attraktive und behindertengerechte Fahrzeuge
  • Fahrradmitnahmemöglichkeiten
  • schön gestaltete Haltestellen (dafür könnten auch Künstler gefragt sein)
  • ein Image, demzufolge es schick ist, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren! (Beispiel Zürich, dort fährt „man“ Tram)

Wie kann der Fußgänger- und Fahrradverkehr verbessert werden?

  • Klare Trennung Autoverkehr und Fahrradverkehr, d. h. die Fahrbahnen sollten klar abgegrenzt und ggf. durch Grünstreifen getrennt sein
  • Vorrang des Fahrrad- und Fußgängerverkehrs vor dem Autoverkehr
  • möglichst wenige Hindernisse wie Ampeln oder Bordsteinkanten
  • bei Hauptstraßen auf beiden Seiten zweispurige Fahrradwege (wie sie bereits an einigen Abschnitten vorhanden sind) um kompliziertes Überqueren der Straße zu vermeiden
  • Fahrradschnellwege bis in Nachbargemeinden sowie zu großen Fabriken an der Peripherie
  • Verbindung von Fahrrad und öffentlichem Verkehr
  • Fahrradparkmöglichkeiten an Verkehrsknotenpunkten, vor allem am Bahnhof (dort wäre ein Fahrradparkhaus mit Servicestation denkbar – Beispiel Münster)
  • Schließlich auch hier: Fahrradfahren ist nicht nur praktisch, gesund und schnell, sondern auch schick und angesagt! (Imagefaktor)

Die Verkehrsplanung muss dem Leitbild einer attraktiven, lebendigen Stadt angepasst sein. Die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum gehört dazu. Die Nutzung der Grünflächen z. B. an der Donau, unter der Steinernen Brücke und neuerdings entlang des ansprechend gestalteten Regenufers beweist dies. Gleiches wäre auch auf einigen Plätzen in der Stadt denkbar: spontane, spielerische, künstlerische Nutzung ohne große Auflagen und Nutzungsgebühren! Eine entsprechenden Bestuhlung (z. B. auch mit beweglichen Sitzmöbeln) könnte dies noch fördern. Es muss möglich sein, auch ohne Kaffehausbesuch (so sehr ich den schätze!) sich im öffentlichen Raum aufzuhalten und aktiv zu sein. Eigeninitiativen wie Gemeinschaftsgärten, die Grüne Insel am Obermünsterplatz müssen ermöglicht werden.

Nachhaltigkeit des gesellschaftlichen Zusammenlebens, Sicherheit, Vertrauen, Demokratie und Redefreiheit sind Schlüsselkonzepte zur Beschreibung der gesellschaftlichen Zukunftsaussichten, die mit der Stadt als einem Ort der Begegnung verknüpft sind. Das Leben im Stadtraum umfasst alles: von kurzen Blickkontakten über unspektakuläre Ereignisse bis hin zu Massenveranstaltungen. Ein Gang durch die Stadt kann reiner Selbstzweck sein – oder aber ein Anfang.“ (Jan Gehl)

Die Verflechtung von Interessen von Bauträgern, Sportverein, Sparkasse, Kommunalpolitikern muss aufgelöst und Konsequenzen für eine Neuausrichtung der Stadtentwicklung muss daraus gezogen werden.

Nur so kann eine Planung und Stadtentwicklung unter demokratischer Beteiligung der Bürger möglich werden.

Wohnen in der Stadt darf nicht vom Einkommen abhängen! Daran knüpft sich die Frage nach der Verfügungsgewalt über Grundstücke, Bauten und Wohnungen! Meines Erachtens hat die Stadt einigen Einfluss darauf über die Ausweisung von Sozialwohnungen, über die Stadtbau und deren Geschäfte, vielleicht auch über die Förderung von genossenschaftlicher Eigeninitiative und die Vergabe stadteigener Grundstücke. Solche sollten nicht verkauft werden, sondern in Erbpacht vergeben, das könnte einigen Spekulationen die Spitze nehmen.

Offen bleibt in diesem Zusammenhang die grundsätzliche Frage: Wer verfügt über Grund und Boden, warum gibt es überhaupt Grundeigentum, wieso kann jemandem ein Teil der Erdoberfläche gehören? Da diese Eigentumsverhältnisse nicht in absehbarer Zeit gelöst werden, müssen wir vorerst Lösungen für die Probleme und Strategien für eine lebenswerte, bezahlbare Stadt entwickeln, die zumindest Teile unserer Visionen Wirklichkeit werden lassen.

Ein Gedanke zu „Visionen für eine lebenswerte Stadt Regensburg“

  1. Danke für die Veröffentlichung. Als Autor wünsche ich mir eine weiterführende Diskussion. Hans Wallner

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